Es gibt Nachmittage, die sich ins kollektive Gedächtnis einer Stadt einbrennen. Der 19. September 2026 auf der Alzeyer Wein- und Sektterrasse ist einer davon. 550 Gäste, 14 Weine aus dem Alzeyer Land, klingende Gläser und die Europahymne, live gespielt von der AZ Big Band – und mittendrin ein 71-jähriger Luxemburger, der sein Leben lang für den europäischen Zusammenhalt eingetreten ist und eintritt. Der Diktatoren die Stirn geboten hat. Der auch der US-Regierung absagt, wenn er bereits ein Abendessen mit seiner Frau geplant hat. Und der bis dato eigentlich lieber Bier als Wein getrunken hat.
Jean-Claude Juncker, ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission und langjähriger Premierminister Luxemburgs, ist der 25. Träger der Georg-Scheu-Plakette. Er ist der erste Nicht-Deutsche, der die Medaille mit dem Konterfei des Alzeyer Rebzüchters in Empfang nehmen durfte. Die von der Stadt Alzey, der IG Wein- und Sektterrasse, dem Landkreis Alzey-Worms und der Allgemeinen Zeitung Alzey verliehene Plakette ist mehr als nur eine Auszeichnung. Sie ist ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zur Region, zum Wein und zu den Menschen zwischen Hiwweln und Reben. Nun reicht dieses Bekenntnis auch über die Grenzen der Republik hinaus: Der Alzeyer Scheu-Preis ist international – und denkt europäisch.
Vom Bier zum Wein
Dass dieser Nachmittag überhaupt möglich wurde, ist einer besonderen Geschichte zu verdanken. Sie beginnt im Mai dieses Jahres in einem Büro in Luxemburg. Mit direktem Blick auf die „Goldene Frau”, eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt. Morgens um elf Uhr klopfte dort ein rheinhessisches „Überfallkommando” an die Tür, wie Juncker dem Publikum schmunzelnd erklärte. Bewaffnet nicht mit Aktenordnern, sondern mit zwölf Flaschen Wein aus dem Alzeyer Land. Mit Herzlichkeit. Und mit einer Einladung.
Jean-Claude Juncker ließ sich bei der Guerilla-Weinprobe in seinem Büro überzeugen. „Seit ich weiß, dass ich den Preis bekomme, trinke ich Wein“, sagte er und erntete damit Lacher von den 550 Gästen. Ganz ohne „(Bier-)Schaum vor dem Mund”. Bei so viel Einsatz und Herzlichkeit könne man gar nicht anders, als der Region, dem Wein und ihren Menschen zu verfallen, so Juncker.
Und dann folgt ein Satz, der die vollbesetzte Wein- und Sektterrasse – samt der Zaungäste, die von außen lauschten – für einen Augenblick innehalten lässt: „Ich freue mich, heute hier sein zu dürfen. Das sagt man oft, aber es stimmt nur selten. Heute aber stimmt es.“ Was folgt, sind Selfies begeisterter Alzeyerinnen und Alzeyer. Mit Europafahne, stehenden Ovationen und einem Mann, der sein Leben voll und ganz der europäischen Idee gewidmet hat. Und der an diesem Nachmittag in Alzey voll und ganz angekommen ist.
Hege, Pflege und ein bisschen Wut im Bauch
Juncker bringt auf den Punkt, was Wein und Europa verbindet: „Europa und der Wein brauchen beide das Gleiche. Hege und Pflege. Der Weinbau ist ein Handwerk. Und es ist harte Arbeit. Wie auch das Zusammenleben in Europa.“ Arbeit, die immer wieder benötigt wird. Heute vielleicht sogar mehr denn je.
Doch Juncker wäre nicht Juncker, wenn er es dabei beließe. Mit erhobenem Zeigefinger mahnt er sein Publikum: Anstatt mit Verdruss auf vermeintlich bessere Zeiten zurückzublicken, solle man mit Wut im Bauch nach vorne schauen. Man solle wachsam bleiben, wenn es darum geht, die Errungenschaften eines geeinten Europas zu verteidigen. Allen voran den Frieden.
Carsten Selak
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„In Europa geboren zu sein, hier aufgewachsen zu sein und hier zu leben – das ist das Beste, was einem passieren kann“, stellt Juncker unmissverständlich klar. Wer dies als selbstverständlich betrachte, habe das Wesentliche der europäischen Idee vergessen.
Und doch ist dieser Nachmittag kein politisches Podium, sondern ein Fest. Ein Fest mit Humor, Wärme und Anekdoten, die man so schnell nicht vergisst. Wie jene über einen Besuch beim chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, dem Juncker erklärte, warum Luxemburg es in seiner langen Geschichte nie versucht habe, China zu überfallen: „Wir hätten nicht gewusst, wohin mit den ganzen Gefangenen.“ Selbst Xi Jinping musste darüber lachen, so Juncker.
Van Kampen: Eine Laudatio wie ein guter Jahrgang
Udo van Kampen hält die Laudatio auf den 25. Scheupreisträger. Er ist selbst Träger der Georg-Scheu-Plakette des Jahres 2002, langjähriger EU-Korrespondent und war über viele Jahrzehnte ein enger Weggefährte Junckers. Frei, persönlich, mit Witz und Wärme zeichnet van Kampen das Bild eines Mannes der Arbeit, der auch in schwierigen Momenten stets den Dialog suchte. Der beim erbittert geführten Streit über einen möglichen Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone klar Position bezog. Der immer für die Idee eines geeinten und starken Europas focht. Gerade dann, wenn der Gegenwind am stärksten war.
Van Kampen verrät dabei auch die menschliche Seite des Preisträgers: Juncker lehnte einen Terminvorschlag der amerikanischen Regierung ab, da er für diesen Abend bereits ein Essen mit seiner Frau geplant hatte. Jean-Claude Juncker – frischgebackener Weinliebhaber. Großer Europäer. Fürsorglicher Ehemann. Van Kampen erinnert auch an Junckers besondere Begrüßungsart: feste Umarmung, Küsschen links, Küsschen rechts. „Der Einzige, den er nicht geküsst hat, war der Papst.”
Vier, die auszeichnen – einer, der verbindet
Die Georg-Scheu-Plakette wird gemeinsam von der Stadt Alzey, der Interessengemeinschaft (IG) Wein- und Sektterrasse, dem Landkreis Alzey-Worms und der Allgemeinen Zeitung Alzey verliehen. Ingo Stütz, der Vorsitzende der IG Wein- und Sektterrasse, eröffnet die repräsentative Weinprobe und blickt dabei zugleich auf den aktuellen Jahrgang. Trotz der Herausforderungen durch den Klimawandel, der die Lese teils noch vor das Winzerfest verschoben hat, gibt es Grund zur Freude. Stütz verrät: „2026 wird wahrscheinlich einer der besten Jahrgänge werden.“
Die Verleihung wurde von 14 Weinen der IG Wein- und Sektterrasse begleitet. Thomas Ehlke und René Harth führten mit Fachwissen, Humor und der notwendigen Leichtigkeit durch die Probe. Für die musikalische Begleitung sorgte die AZ Big Band – mit der Europahymne schufen sie einen Gänsehautmoment, der noch lange nachklingen wird.
Juncker kommt gerne wieder
Den Abschluss übernimmt Juncker aber selbst. Mit einem Versprechen und einem Augenzwinkern: Er will wiederkommen. Am liebsten, wenn der Scheu-Preis erneut an einen Europäer geht – und wenn möglich zur 100. Verleihung der Scheu-Medaille. „Das wäre in 75 Jahren. Ich komme gerne! Auch wenn ich glaube, dass dann wohl sehr viele der heutigen Gäste nicht mehr hier sein werden“, schmunzelt der 71-Jährige.
Die Verleihung des 25. Scheu-Preises war ein Nachmittag voller Wärme und klarer Kante, voller Lachen und Haltung, voller Wein und bleibender Worte. Mit einem Mann, der etwas zu sagen hat. Der für etwas steht. Mit erhobenem Zeigefinger, wo nötig. Aber vor allem mit viel Herz und trockenem Humor – so trocken und gehaltvoll wie eine gute Alzeyer Scheurebe.
„Was an diesem Nachmittag auf der Wein- und Sektterrasse entstanden ist, war mehr als nur eine Preisverleihung. Es war ein europäischer Moment – mitten in Alzey, mitten in unserem Winzerfest“, fasst Bürgermeister Steffen Jung zusammen. „Jean-Claude Juncker hat unserer Stadt etwas mitgegeben: seinen Blick auf Europa, seinen Humor, seine Haltung. Mit diesem 25. Preisträger ist der Scheu-Preis wirklich europäisch geworden – und darauf sind wir sehr stolz.“

