Wie erleben Alzeyer Unternehmerinnen und Unternehmer ihren Standort? Was läuft gut? Und wo drückt der Schuh? Genau das wollten die IHK für Rheinhessen und die Stadt Alzey wissen. Im Juni und Juli 2026 wurden erstmals über 400 Alzeyer Betriebe aller Größen und Branchen systematisch befragt. Herausgekommen ist ein ehrliches, differenziertes Bild mit klaren Schlussfolgerungen für alle Beteiligten.
Die Gesamtbewertung des Wirtschaftsstandorts Alzey liegt bei einer Schulnote von 2,6. Das ist ein sehr solides Ergebnis. Besonders die Pkw- und Lkw-Anbindung sowie das Gewerbeflächenangebot schneiden gut ab. Kritischer fallen die Einschätzungen zum Straßenzustand, zur Verkehrsbelastung, zur Radwegeanbindung und zu den Energiekosten aus – Themen, die in den Freitexten besonders häufig auftauchen. IHK-Rheinhessen-Geschäftsführer Dr. Florian Steidl weist dabei ausdrücklich darauf hin, dass nicht alle Kritikpunkte im Einflussbereich der Stadtverwaltung liegen: „Energiepreise oder der Zustand von Landes- und Bundesstraßen etwa sind kommunal kaum steuerbar." Zudem sind viele der genannten Themen für die Stadtverwaltung bereits Arbeitsrealität und konkrete Maßnahmen bereits in Vorbereitung.
Fachkräfte gesucht – besonders im Industriegebiet-Ost
Die Personalfrage bleibt das brennendste Alltagsproblem vieler Betriebe: 53 Prozent der teilnehmenden Unternehmen berichten von Schwierigkeiten bei der Personalsuche. Im Industriegebiet-Ost liegt dieser Anteil mit 67 Prozent noch deutlich höher. Besonders schwer zu finden sind qualifizierte Fachkräfte und Auszubildende in Produktion, Technik und handwerklich-technischen Berufen. Doch auch im Verkauf und der Gastronomie spitzt sich die Personalsituation zu. Positiv bewertet wird hingegen die Gründungsfreundlichkeit (Note 2,6) sowie die Gesundheitsversorgung für Mitarbeitende. Eine Überraschung, wie Steidl erklärt. "Denn Alzey ist nicht unbedingt der Standort, der für Gründungen bekannt ist."
Beim Blick auf die weichen Standortfaktoren punktet Alzey besonders stark. Vereinsleben, Lebensqualität, Nahversorgung und Bildungsangebote bewerten die Unternehmen als stark. Deutlich mehr Potenzial sehen die Betriebe beim Wohnangebot für Mitarbeitende – der schwächste Wert im Bereich Leben und Wohnen – sowie bei der Attraktivität der Innenstadt und Fußgängerzone.
Verwaltung erreichbar – Digitalisierung noch ausbaufähig
Die Unternehmensfreundlichkeit der Stadtverwaltung und die Erreichbarkeit von Ansprechpersonen werden grundsätzlich positiv eingeschätzt. Kritischer fällt das Urteil beim Digitalisierungsstand der Verwaltungsprozesse aus. Die Unternehmen wünschen sich klarere Zuständigkeiten, schnellere und stärker digitalisierte Verfahren und möchten früher in wirtschaftsrelevante Planungen einbezogen werden.
„Die Befragung zeigt die Stärken des Wirtschaftsstandortes Alzey und macht gleichzeitig klar, welche Erwartungen die Unternehmen haben. Verkehr, Fachkräftesicherung und Innenstadtentwicklung müssen ebenso im Blick bleiben wie die Anforderungen, die sich aus dem Wachstum im Industriegebiet-Ost ergeben", sagt Dr. Florian Steidl, Geschäftsführer der IHK für Rheinhessen für die Region Alzey/Bingen/Ingelheim. „Entscheidend ist, Bestandsbetriebe und neue Ansiedlungen gemeinsam zu denken und verlässliche Rahmenbedingungen für beide zu schaffen." Zugleich ist festzuhalten, dass nicht alle Kritikpunkte der Unternehmen Dinge sind, bei denen die Stadt handeln kann. Etwa, wenn es um die Energiepreise geht oder den Zustand von Landes- und Bundesstraßen.
Fünf Handlungsfelder – klar definiert
Aus der Befragung lassen sich fünf konkrete Handlungsfelder ableiten:
- Verkehr und Infrastruktur vorausschauend weiterentwickeln: Insbesondere die Verkehrsachsen sollten entlastet werden, die Anbindung des Industriegebiets-Ost verbessert, das Parkraumangebot, der ÖPNV und die digitale Infrastruktur ausgebaut werden.
- Innenstadt als Wirtschaftsstandort stabilisieren: Erreichbarkeit, Aufenthaltsqualität, Sauberkeit, Sicherheit und Angebotsvielfalt sollten gestärkt werden.
- Fachkräftegewinnung und Qualifizierung unterstützen: Ausbildung, Berufsorientierung, Weiterbildung und internationale Fachkräfte sollten stärker in den Blick genommen werden.
- Verwaltungsprozesse wirtschaftsnah weiterentwickeln: mit klaren Ansprechpartnern, digitalen Verfahren und frühzeitiger Einbindung der Unternehmen.
- Wachstum strategisch stärker begleiten: Industriegebiet-Ost, Gewerbeflächen, Wohnraum und Mobilität sollen zusammengedacht und Bestandsbetriebe gezielt berücksichtigt werden.
Bürgermeister Steffen Jung begrüßt die Ergebnisse ausdrücklich: „Die Befragung spricht die Themen offen an. Die Ergebnisse zeigen: Alzey ist und bleibt ein starker Wirtschaftsstandort. Sie zeigen aber auch, dass Stadtverwaltung und Wirtschaft bei vielen zentralen Themen dieselben Handlungsbedarfe sehen. Ob Innenstadtentwicklung und Ordnung, die ÖPNV-Anbindung des Industriegebiets Ost, die Parkplatzsituation in der Stadt oder die Digitalisierung von Verwaltungsvorgängen – all das sind für uns keine neuen Themen. Wir arbeiten an diesen Aufgaben konsequent weiter. Erste Maßnahmen wurden bereits umgesetzt, weitere werden derzeit vorbereitet. Was mich besonders freut: Die Befragung zeigt, dass wir in Alzey eine engagierte und verlässliche Wirtschaft haben. Den Austausch mit den Unternehmen haben wir in den vergangenen Jahren bereits deutlich intensiviert – unter anderem durch Unternehmerstammtische und Unternehmerabende. Dass sich die Unternehmen offen zu ihren Erfahrungen und Erwartungen äußern, zeigt auch das Vertrauen in diesem Dialog. Dieser gegenseitige und konstruktive Anspruch ist in wirtschaftlich unruhigen Zeiten nicht selbstverständlich. Die Ergebnisse sind für uns deshalb eine wichtige Grundlage für unsere weitere Arbeit."
Ein Anfang, kein Abschluss
Die vollständigen Ergebnisse der Befragung sind Ausgangspunkt für den weiteren Austausch zwischen IHK, Stadt Alzey und den Unternehmen vor Ort. Ziel ist es, die identifizierten Themen gemeinsam weiterzuentwickeln und gute Rahmenbedingungen für bestehende Betriebe, Gründerinnen und Gründer sowie neue Investitionen in Alzey zu sichern. Ob die eingeleiteten Maßnahmen die gewünschte Wirkung entfalten, soll auch eine erneute Befragung in einigen Jahren zeigen.
„Alzey ist auf einem sehr guten Weg. Das belegen die Ergebnisse dieser Befragung eindeutig. Die Unternehmen sehen den Standort solide, sie sehen aber auch, wo wir noch besser werden müssen. Viele dieser Themen haben wir bereits angepackt, andere befinden sich konkret in Vorbereitung. Diese Befragung ist deshalb für uns kein Abschluss, sondern ein Anfang. In einigen Jahren werden wir sie wiederholen. Und dann wird messbar, ob die ergriffenen Maßnahmen wirklich Wirkung zeigen", so Bürgermeister Steffen Jung.
Dr. Florian Steidl ergänzt: „Alzey zeigt, wie eine Stadt und ihre Wirtschaft konstruktiv miteinander arbeiten können. Die Bereitschaft der Unternehmen, offen Rückmeldung zu geben, und die Bereitschaft der Stadt, diese Rückmeldung ernst zu nehmen – das ist keine Selbstverständlichkeit. Auf dieser Grundlage lässt sich gemeinsam etwas bewegen. Wir begleiten diesen Prozess als IHK für Rheinhessen gerne weiter."

